Edgar Ludwig Gärtner

Edgar Ludwig Gärtner

Mittwoch, 13. Juni 2012


Was ist (Selbst-)Bewusstsein?

Edgar L. Gärtner

Schon seit Sigmund Freuds „Entdeckung“ des Unbewussten, spätestens aber seit den neurophysiologischen Experimenten von Benjamin Libet (1916-2007) in Kalifornien gilt der Mensch nicht mehr als Herr im Hause des eigenen Ich. Nach Libet sei es „eine unumstößliche und experimentell bewiesene Tatsache, dass eine Handlung immer schon ausgeführt ist, wenn sich das Gehirn ihrer bewusst wird“, erklärt einer seiner Nachfolger, der bekannte amerikanische Hirnforscher Michael Gazzaniga, in seinem neuesten Buch „Who’s in Charge? Free Will and the Science of the Brain“. Damit scheint sich Gazzaniga auf den ersten Blick der durchaus gängigen deterministischen Fehlinterpretation der Experimente Libets anzunähern. Die deutsche Übersetzung des Titels seines Buches („Die Ich-Illusion“) leistet diesem Missverständnis noch (bewusst?) Vorschub. In Wirklichkeit vertritt Gazzaniga in seinen Ausführungen über die strafrechtliche Verantwortung eher die gegenteilige Position, indem er die individuelle Verantwortung unterstreicht.
Streng genommen können Experimente nach der Theorie des Wissenschaftsphilosophen Karl R. Popper übrigens nichts beweisen, sondern nur Vermutungen entkräften beziehungsweise Annahmen falsifizieren. Das heißt wir wissen nach einem Experiment mit einem eindeutigen Ausgang, wie ein Vorgang sicher nicht abläuft. Aber wir wissen noch wenig über die tatsächlichen Zusammenhänge. Deshalb hat Libet selbst die Ergebnisse seiner Experimente immer sehr vorsichtig interpretiert und sich in keiner Weise jenen militanten Materialisten angenähert, die darin die ultimative Widerlegung der traditionellen jüdisch-christlichen Auffassung von Willensfreiheit sehen wollten.

Was zeigen Benjamin Libets Experimente genau?
Hier noch einmal in aller Kürze, was Libet herausgefunden hat: Seine Versuchspersonen sollten zu einem frei wählbaren Zeitpunkt ein Handgelenk bewegen. Den Zeitpunkt ihres Entschlusses sollten sie sich mithilfe eines sich bewegenden Punktes auf dem Bildschirm eines Oszillographen merken. Nach den Angaben der Versuchsteilnehmer erfolgte dieser Entschluss etwa 200 Millisekunden vor dem Beginn der Handlung. Libet stellte jedoch mithilfe von Elektroden an der Schädeldecke fest, dass sich in den für die Handbewegung zuständigen neuronalen Schaltkreisen schon 350 Millisekunden früher, das heißt insgesamt 550 Millisekunden vor dem Handlungsbeginn ein so genanntes Bereitschaftspotential aufgebaut hatte. Die Entscheidung, ein Handgelenk zu bewegen, erfolgte also in Wirklichkeit unbewusst, obwohl die Versuchspersonen den Eindruck hatten, sich völlig frei und bewusst entschieden zu haben. Libet konnte zeigen, dass der falsche Eindruck durch eine automatische Rückdatierung der Entscheidung zustande kommt. Er konnte ferner demonstrieren, dass die Versuchspersonen unbewusst eingeleitete Handlungen bis zu einem gewissen Zeitpunkt durchaus noch durch ein bewusstes Veto stoppen können. In dieser Veto-Möglichkeit besteht seiner Ansicht nach ein wichtiger Aspekt der Willensfreiheit. Die Menschen können also spontanen Handlungsimpulsen im Einklang mit ihren religiösen Überzeugungen und/oder mit sozialen Tabus widerstehen. Libet weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass die Zehn Gebote der Bibel überwiegend Veto-Befehle beinhalten.
Michael Gazzaniga lokalisiert den Prozess der Rückdatierung des bewussten Handlungsentschlusses in der linken Hirnhälfte, die für nachträgliche Interpretationsleistungen aller Art (einschließlich der „Ich-Illusion“) zuständig ist. Er ist aber der Meinung, der Rückdatierung werde eine zu große Bedeutung zugeschrieben. „Das Bewusstsein ist seine eigene Abstraktion auf seiner eigenen Zeitskala, und diese Zeitskala stimmt mit ihm überein, “ schreibt er. Er nähert sich damit der Auffassung mancher Quantenphysiker, die die Absolutheit der Zeit in Frage stellen. Die Veto-Funktion verortet Gazzaniga, wie vor ihm die Neurobiologen Marcel Brass und Patrick Haggard, in einem spezifischen Areal im dorsalen frontomedialen Cortex (dFMC). Aus früheren Untersuchungen an Hirnverletzten war bereits bekannt, dass eine Schädigung des orbitofrontalen Cortex, des erst in der Pubertät ausreifenden Teils des Stirnhirns, der direkt über den Augen liegt, zum Verlust der Impulskontrolle und der Fähigkeit zum vorausschauenden, moralkonformen Handeln führt. Der Bremer Verhaltensphysiologe Gerhard Roth weist allerdings darauf hin, dass auch dem Veto ein messbares Bereitschaftspotential vorausgeht. Das Veto könne also nicht rein geistiger Natur sein. (Dazu später) Dagegen verweist Gazzaniga auf psychologische Experimente von Kathleen Vohs und Jonathan Schooler, die zeigen, dass zumindest der Glaube an den freien Willen Denken und Handeln positiv beeinflussen kann: Von ihrem freien Willen überzeugte Testpersonen mogelten bei Testaufgaben signifikant weniger oft als solche, die dem Determinismus zuneigten. In diesem Sinne könne man durchaus sagen, ein Geisteszustand könne einen anderen beeinflussen, meint Gazzaniga. Daraus lässt sich schließen: Der freie Wille ist im wahrsten Sinne des Wortes eine Glaubenssache. So weit wir von unserem freien Willen überzeugt sind, entscheiden wir selbstbestimmt.
In seinem im Jahre 2005 erschienenen Buch „Mind Time“ legte Libet seine Time-on-Theorie dar, wonach alle bewussten Gedanken, Pläne und Gefühle unbewusst beginnen. Schnelle Reaktionen im Sport (zum Beispiel beim Zurückschlagen eines 160 Stundenkilometer schnellen Tennisballs) können nur unbewusst erfolgen. Sie werden erst bewusst, wenn die Aktion bereits abgeschlossen ist. Er ging dabei davon aus, dass das subjektive Bewusstsein wesentlich nichtphysischer Natur und deshalb nicht auf neuronale Funktionen reduzierbar ist. Der materialistische Determinismus beruhe ebenso sehr auf nicht falsifizierbaren Glaubens-Annahmen wie sein Gegenpart, der idealistische Dualismus von Leib und Seele, betonte Libet, der sich früher als Schüler von Sir John C. Eccles zum Dualismus bekannte, bis er mit seinen bahnbrechenden Experimenten anfing. Danach neigte er zwar eher dem materialistischen Monismus zu, blieb jedoch weit davon entfernt, den Dualismus von René Descartes lächerlich zu machen. Dafür erschienen ihm dessen theoretischen Überlegungen als viel zu tief.
Die Bewusstseinsinhalte sind nach Libets Überzeugung unabhängig von neuronalen Funktionen. Er kannte kein Experiment, das Anhaltspunkte für das Gegenteil lieferte. In der Tat: Epilepsie-Patienten, denen aus therapeutischen Gründen die Verbindung zwischen den beiden Großhirnhälften (Corpus callosum) durchtrennt wurde („Split brain“), fühlen sich noch immer als einheitliches Selbst. Weder sehen sie doppelt noch fühlen sie widerstrebende Handlungsantriebe. Bewusstes Erleben ist, wie Libet selbst zeigen konnte, auch unabhängig vom Prozess der Gedächtnisbildung. Insofern ist der deutsche Untertitel des Libet-Buches („Wie das Gehirn Bewusstsein produziert“) irreführend. Libet selbst setzte „produziert“, vorsichtig wie er war, in Anführungszeichen. Er ging lediglich davon aus, dass Bewusstsein, im Einklang mit seinen Experimenten, „das emergente Resultat geeigneter neuronaler Aktivitäten ist, wenn diese eine Mindestdauer von  0,5 sec haben.“  
An diese Hypothese hält sich auch Gazzaniga, wenn er schreibt: „Ich glaube, dass bewusstes Denken eine emergente Eigenschaft ist.“  Was das genau heißt, wird aber nicht klar. Ist Emergenz nicht lediglich ein anderes Wort für Wunder? Ich habe jedenfalls den Verdacht, dass Neurowissenschaftler immer dann die Emergenz ins Feld führen, wenn sie theoretisch nicht mehr weiter wissen. Gazzaniga ist übrigens der Neurowissenschaftler, der wohl die meisten Experimente mit „Split-Brain“-Patienten durchgeführt hat. Er konnte dadurch zeigen, dass es unmöglich ist, das Ich-Bewusstsein in einer der beiden Großhirnhälften oder sonst wo zu lokalisieren. Dennoch gebe es ein Ich-Gefühl, stellt er fest. Er legt es darüber hinaus nahe, neben dem entwicklungsgeschichtlich sehr jungen Broca-Areal oder Sprachzentrum im unteren linken Stirnhirnlappen auch den bereits 1925 entdeckten, aber lange Zeit kaum beachteten Von-Economo-Neuronen (VEN) eine Schlüsselrolle in der Steuerung des überaus komplexen, durch gesprochene und geschriebene Sprache vermittelten Sozialverhaltens zuzuschreiben, durch das sich die Menschen von den Primaten und anderen Säugern mit ausgeprägtem Sozialverhalten qualitativ unterscheiden. VENs stellen eine besonders große Form der Pyramidenzellen in der Großhirnrinde dar. Erwachsene Menschen haben davon über 193.000, Menschenaffen im Schnitt jedoch nur 6.950. Außer bei Primaten wurden VENs auch bei Elefanten, einigen Walarten und bei Delfinen gefunden. Interessant ist, dass die Zahl der VENs bei Menschen von 28.200 bei der Geburt auf 184.000 bei Vierjährigen hochschnellt. Das deute darauf hin, dass das Aufkommen der VENs in besonderer Weise mit der Entwicklung des sozialen Bewusstseins verbunden ist, sagt Gazzaniga.
Als Popperianer hielt sich auch Libet streng an das Beobachtbare und experimentell Falsifizierbare. Wo er nicht weiter wusste, schlug er statt Spekulationen Experimente vor, selbst wenn diese heute und morgen noch nicht technisch durchführbar sein sollten. Aus diesem Grund wies er auch die Behauptung dogmatischer Materialisten zurück, der Geist sei ein Mythos und das Ich beziehungsweise sein freier Wille sei eine Illusion. Gegenüber diesen nicht prüfbaren Behauptungen erschien ihm Descartes’ Beantwortung der Frage, wessen sich eine Person wirklich gewiss sein kann, als vergleichsweise modern. „Es gibt keine direkten Belege, die der Existenz einer cartesischen Seele widersprechen“, stellte Libet nüchtern fest. Als wenigstens im Prinzip experimentell testbare Hypothese hat Libet ein bewusstes mentales Feld (BMF) als phänomenologisch unabhängige Kategorie in die Diskussion gebracht. Er bezweifelte allerdings, dass das von ihm vorgeschlagene Experiment zum Nachweis des BMF, die (schmerzlose) Isolierung einzelner Plättchen der Hirnrinde, von den zuständigen Ethik-Kommissionen genehmigt werden würde. Es scheint allerdings, dass sich Libet mit seiner Hypothese auf dem Holzweg befand.
  Leider haben in den vergangenen Jahren überwiegend vorschnelle deterministische Interpretationen der Experimente Libets und weniger dessen Insistieren auf experimenteller Falsifizierbarkeit Schule gemacht. „Das Sein bestimmt das Bewusstsein.“ Dieses vulgärmaterialistische Glaubensbekenntnis von Karl Marx und Friedrich Engels ist bis heute de facto zur Eintrittskarte in jegliche Form neurobiologischer Forschung geworden. Überwiegend orientiert diese sich noch immer am überholten Weltbild der klassischen Physik vor der Entdeckung der Quantenphänomene. Doch müssen die Verfechter des materialistisch-deterministischen Dogmas immer neue argumentative Eiertänze aufführen, um sich vor der Anerkennung der Tatsache zu drücken, dass es im Universum und auf Erden Erscheinungen gibt, die nicht materialistisch gedeutet werden können.
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Exkurs: David Chalmers versucht, den Dschungel zu lichten
In den 1990er Jahren sorgte der australische Mathematiker und Philosoph David Chalmers bei Neurowissenschaftlern und Philosophen für einiges Aufsehen, als er versuchte, die verschiedenen Hypothesen über die Entstehung des Bewusstseins mit messerscharfer Logik übersichtlich zu ordnen. Chalmers unterschied drei Formen materialistischer Interpretation des Bewusstseins: Modell A bezeichnet den klassischen monistischen Materialismus, der im Grunde davon ausgeht, das Bewusstsein sei nur eine Illusion, die physiologische Prozesse im Hirn begleitet. Modell B, auch Identitätstheorie genannt, nimmt an, dass das Bewusstsein mit den physikalischen und chemischen Prozessen im Gehirn identisch ist. Modell C geht davon aus, dass sich das Bewusstsein zwar bislang noch nicht aus der Funktionsweise des Gehirns erklären lässt, dass weitere Fortschritte der Hirnforschung das aber möglich machen werden.
Als Modell D bezeichnet Chalmers die Position des interaktiven Dualismus zwischen Körper und Geist, die der australische Neurobiologe Sir John C. Eccles und sein Freund, der lange Zeit maßgebliche Wissenschaftsphilosoph Karl R. Popper, einnahmen. Eccles, der 1963 für seine bahnbrechenden Erkenntnissen über die Erregungsübertragung in den Nervenzellen den Nobelpreis für Medizin erhielt, glaubte stets daran, dass es eine vom Körper unabhängige und unsterbliche Seele gibt. Er bezeichnete den materialistischen Anspruch, die spirituelle Welt mit Mustern neuronaler Aktivität erklären zu können, als primitiven Aberglauben. Karl R. Popper schlug stattdessen sein geschichtetes Drei-Welten-Modell vor: die physikalische Welt, die Welt der bewussten und unbewussten Erfahrungen und die Welt der Mythen und Theorien. Diese drei Ebenen stehen miteinander in Wechselwirkung. Welt 3 ist ganz offensichtlich nicht auf Welt 1 reduzierbar. Da aber Welt 2 von Welt 3 abhängt, ist auch sie nicht auf Welt 1 reduzierbar. Das Bewusstsein ist also nicht aus physikalisch-chemischen Prozessen erklärbar. Nach Ansicht von Chalmers lässt sich das letztlich auf René Descartes zurückgehende interaktive Modell durchaus auch mit der modernen Quantenphysik vereinbaren. Viele Physiker streiten das aber ab, weil sie sich am Dualismus stören.
Als Erklärungsmodell E klassifiziert Chalmers den Epiphänomenalismus, der heute wohl bei Medizinern und Hirnforschern die meisten Anhänger hat. In Deutschland vertritt neben anderen Gerhard Roth diese Position. Das Bewusstsein erscheint in diesem Erklärungsansatz als eine Art Überbau chemischer und elektrischer Prozesse im Hirn. Eine Rückwirkung des Bewusstseins auf diese Prozesse sei aber ausgeschlossen. Dem widerspricht allerdings der nachweisbare Einfluss des Denkens auf die Hirnentwicklung. Der Epiphenomenalismus ist im Endeffekt lediglich eine abgemilderte Form von Materialismus. Für Chalmers spricht aber die subjektiv nachprüfbare Existenz des Selbst- beziehungsweise Ich-Bewusstseins schon als solche gegen den Materialismus.
Chalmers selbst vertritt ein sechstes Erklärungsmodell (F), das er als „Phänomenalismus“ oder „Panpsychismus“ bezeichnet. Diese Weltsicht ist sowohl vereinbar mit dem Dualismus, als auch mit dem idealistischen Monismus, den der indischstämmige amerikanische Quantenphysiker Amit Goswami schon 1993 als philosophische Basis der Bewusstseinsforschung vorgeschlagen hat. Nach dieser Auffassung ist Bewusstsein seit dem Urknall überall im Universum vorhanden – ähnlich wie die nicht minder geheimnisvolle Schwerkraft (Gravitation). Bewusstsein wäre eine Grundeigenschaft der Welt. Der idealistische Monismus ist also die logische Umkehrung des materialistischen Monismus. Nicht die stoffliche Materie gilt darin als primär, sondern Geist beziehungsweise Information.

Die Nichtlokalität des Bewusstseins und die Quantenphysik
Tatsächlich gibt es inzwischen nicht wenige Naturwissenschaftler, die davon überzeugt sind, dass der Beginn des Johannes-Evangeliums („Im Anfang war das Wort…“) die Entwicklung des Universums ausgehend vom Urknall nach heutigem Wissen im Prinzip richtig beschreibt. Am weitesten ging dabei der christlich engagierte Informatiker Werner Gitt (früher Direktor an der Physikalischen Bundesanstalt in Braunschweig) in seinem Buch „Am Anfang war die Information“ (1994, 2002). In der „Ursuppe“, in der nach der bekannten Hypothese von Stanley L. Miller Leben spontan entstanden sein soll, konnten experimentell bislang höchstens Aminosäuren, aber nie auch nur einfachste Proteine erzeugt werden. Dafür fehlte der genetische Code, das heißt die Information für die Anordnung der Aminosäuren. Auch die Entwicklung der Organismenvielfalt und komplexer Organe konnte nur zielgerichtet und nicht im Zusammenspiel von blindem Zufall und Selektion erfolgen. Die Selektion erklärt nur gewisse Anpassungen, aber nicht Entstehung und Durchsetzung von Neuerungen. Durch die Entdeckung der Transpositionselemente (TE) im Genom und die Erkenntnisse der Epigenetik wurde Darwins Gegenspieler Jean Baptiste Lamarck inzwischen wieder ein Stück weit rehabilitiert. „Lebende Organismen reagieren auf schwere und anhaltende Belastungen, denen sie durch ihre Umwelt ausgesetzt werden, mit einem kreativen Prozess der Selbstmodifikation ihres Genoms“, erklärt der Freiburger Neurogenetiker Joachim Bauer. Diese Einsicht muss nach seiner Ansicht nicht als Bestätigung des biblischen Schöpfungsglaubens interpretiert werden, aber sehr wohl als fundamentale Infragestellung des Darwinismus. Die Darwinsche Erklärung der Evolution aus dem Zusammenspiel von zufälligen Mutationen und natürlicher Zuchtwahl passt noch am ehesten auf die menschliche Kulturentwicklung. Die biotische Evolution verlief, wie wir heute wissen, entgegen Darwins Annahme eines strengen Gradualismus, durchaus in Sprüngen, und zwar aufgrund der Verdoppelung und Umgruppierung von Transpositionselementen  im Genom. Graduelle Anpassungen infolge der natürlichen Selektion spielten nur in den relativ langen Ruhephasen zwischen den Sprüngen die Hauptrolle.
Joachim Bauer unterstreicht die richtungweisende Rolle der Information bei der Entstehung komplexer Organismen mit folgendem Vergleich: „Die Annahme, Zufallsmutationen hätten aus einem einzelligen Lebewesen einen vielzelligen, vermehrungsfähigen Organismus mit Körperbauplan entstehen lassen können, gleicht der Erwartung, es bilde sich – nach dem Zufallsprinzip – schließlich ein Wolkenkratzer, wenn man die dazu notwendigen Komponenten nur oft genug auf einen Haufen schütte.“  Bauer weist darüber hinaus darauf hin, dass Darwin selbst in zentralen Fragen weniger dogmatisch war als seine sozialdarwinistischen Epigonen. Für einen dem Menschen von Siegmund Freud und Konrad Lorenz zugeschriebenen primären „Aggressionstrieb“ gibt es keinen Beleg. Auch Richard Dawkins kann sich mit seinem Konstrukt „egoistisches Gen“ nicht auf Darwin berufen. Dieser behandelte in seinen Schriften dagegen recht ausführlich die „Instinkte“ der Zuneigung und Anteilnahme. Die Menschen sind nach Darwin primär durch die Suche nach sozialer Anerkennung und Bindung motiviert. Beide sind, wie wir heute wissen, unabdingbar für die normale Ausdifferenzierung der Motivationssysteme des Mittelhirns und die Freisetzung der dort gebildeten Botenstoffe wie vor allem Dopamin und körpereigene Opioide. Es gibt im menschlichen Hirn keinen Mechanismus, der das Quälen von Mitmenschen belohnen würde. Stattdessen sorgen so genannte Spiegelneurone dafür, dass wir den Schmerz anderer nicht nur geistig, sondern über den cingulären Cortex auch körperlich mitfühlen. Aggressives Verhalten beruht nicht auf angeborenen Instinkten, sondern auf einem durch Frustration und Demütigung erworbenen Mangel an „Beruhigungshormon“ Serotonin, das in den Raphe-Kernen des Stammhirns gebildet wird.
Das menschliche Hirn ist also ein soziales Organ. Die wichtigsten Informationen für die Orientierung seiner Entwicklung stammen nicht von ihm selbst, sondern aus der gesellschaftlichen Interaktion, also „von außen“. Soziale Ausgrenzung kann im Hirn betroffener Individuen zu messbaren Schäden führen!  Joachim Bauer betont auch, dass Darwin durchaus von der Existenz einer „Seele“ überzeugt war. Er sah in ihr die fühlende Instanz der Lebewesen und schloss nicht aus, dass diese zum großen, wenn nicht größten Teil unbewusst arbeitet. In seinem noch heute oft zitierten Werk „The Expression of Emotion in Man and Animals“  schildert Darwin ausführlich seine scharfen Beobachtungen der psychosomatischen Effekte von Empathie. Der deutsche Verhaltsphysiologe Gerhard Roth bestreitet allerdings, dass man von „Seele“ oder Bewusstsein im Singular reden kann. Es handele sich dabei um inhaltlich sehr verschiedene Zustände, die gemeinsam haben, dass sie unmittelbar bewusst erlebt werden und in sprachlicher Form berichtet werden können. Aber auch Roth, für den „Geisteszustände wesensmäßig Hirnzustände“ sind, geht von einer „partiellen Eigengesetzlichkeit von Geist und Bewusstsein“ aus.
Der Physiker Amit Goswami teilt hingegen die Auffassung der jüdischen, christlichen und buddhistischen Mystiker, dass es hinter der Mannigfaltigkeit der Naturerscheinungen nur ein einziges, an keinen Ort gebundenes Bewusstsein gibt. Ohne ein bewusst beobachtendes Subjekt existiert danach kein Objekt in Raum und Zeit, sondern es existiert lediglich als Möglichkeit in einer anderen, unseren Sinnen nicht zugänglichen Dimension. Er beruft sich dabei auf den Physik-Nobelpreisträger Erwin Schrödinger, der betonte, dass das Bewusstsein trotz seiner sozialen Natur nie in der Mehrzahl, sondern immer nur in der Einzahl erlebt wird. „Das Bewusstsein ist die Schaltstelle, die die Welle eines in Potentia existierenden Quantenobjekts zum Kollabieren bringt, um es in der Welt der Manifestation zu einem immanenten Teilchen werden zu lassen“, schreibt Goswami. Und weiter: „Der Quantenkollaps ist ein vom Beobachter betriebener Auswahl- und Erkennungsprozess; letztlich gibt es nur einen Beobachter.“ Das Selbstbewusstsein bestehe darin, eine Wahl zu treffen. Kurz: Ich entscheide, also bin ich. Im Lichte der christlichen Theologie besehen, erwachsen gerade daraus Gewissen und Verantwortlichkeit des Menschen als gottesebenbildliche Person. Man kann das glauben oder nicht. Widerlegen lässt sich diese Sicht der Verhältnisse mit dem heutigen neurobiologischen Wissen jedenfalls nicht. Nicht von ungefähr nennt Gazzaniga das menschliche Gehirn eine „Entscheidungsfindungsmaschine“.
Wladimir Iljitsch Lenins in der Schrift „Materialismus und Empiriokritizismus“ (1908) durchaus intelligent hergeleitete nichtstoffliche Materiedefinition (Materie ist alles, was unabhängig von unserem Bewusstsein existiert.) erscheint vor diesem Hintergrund übrigens als absurd. Denn außerhalb des Bewusstseins existiert alles, wenn überhaupt, nur „in Potentia.“
 Die Nichtlokalität des Bewusstseins, seine Unabhängigkeit von bestimmten Körperfunktionen schließen aus, dass wir von verschiedenen Gehirnaktivitäten auf Gedanken- und Bewusstseinsinhalte schließen können. Eine Bestätigung dieser These sieht der niederländische Kardiologe und Bewusstseinsforscher Pim van Lommel in Hunderten von ihm analysierten und statistisch ausgewerteten Nahtoderfahrungen (NTE) von Patienten mit einem vorübergehenden Totalausfall aller Hirnfunktionen während eines Herzstillstandes. Dabei beobachten sich die hirntoten Patienten von einer Position außerhalb ihres Körpers (meist von oben) und gleiten durch einen schwarzen Tunnel gleißendem Licht entgegen. Van Lommel ist der Meinung, dass seine eigenen Auswertungen von Nahtoderlebnissen mithilfe von ausführlichen Patientenbefragungen am besten mithilfe von David Chalmers Modell F erklärt werden können. Er schließt sich deshalb dem Quantenphysiker David Bohm an, der das Gehirn mit einem Fernsehempfänger verglich, der die durch elektromagnetische Felder übertragenen Informationen dekodiert und daraus bewegte Bilder und Töne rekonstruiert. Das Gehirn produziert nach dieser Vorstellung das Bewusstsein nicht, sondern macht bewusste Erfahrung lediglich möglich. „Das Gehirn produziert das Bewusstsein so wenig wie der Computer das Internet produziert“, schreibt van Lommel.
Gerhard Roth, der selbst bei einem schweren Verkehrsunfall Eigenartiges erlebte,  erklärt Nahtod-Erfahrungen und extrakorporelle Erlebnisse wie andere materialistisch eingestellte Neurophysiologen durch Sauerstoffmangel oder Verletzungen im Bereich des Parietal- oder Temporal-Cortex. Erlebnisse starker Helligkeit können nach Ansicht seines Fachkollegen Detlev Linke die Folge von Sauerstoffmangel in der Netzhaut der Augen oder im primären visuellen Cortex sein. Doch einige Details in den von van Lommel aufgezeichneten Patienten-Berichten widersprechen diesen Interpretationen. Manche Patienten berichteten glaubhaft von Beobachtungen im Operationssaal, die ihnen im Zustand des Hirntods nicht hätten möglich sein sollen. Gerhard Roth, der die philosophische Position eines gemäßigten Konstruktivismus vertritt, weist demgegenüber darauf hin, dass das vom Hirn entworfene Bild der Situation seines Trägers generell leicht gestört werden kann. Schon beim Aufstieg in der dünnen Luft eines Anden-Gipfels komme es zu extrakorporellen Erlebnissen, die bereits von Alexander von Humboldt ausführlich beschrieben wurden. Meines Erachtens bedarf es aber gar keiner Analysen von Extremsituationen, um verstehen zu können, warum die Vorstellung, unser Hirn produziere Bewusstsein, als fragwürdig erscheinen zu lassen. (Dazu später)

Antonio Damasio bleibt bei der biologischen Erklärung
Im vergangenen Jahr hat der durch einige Welt-Bestseller bekanntgewordene portugiesisch-kalifornische Hirnforscher Antonio Damasio einen neuen Anlauf zur streng materialistischen Erklärung der Entstehung des menschlichen (Selbst-)Bewusstseins genommen. Herausgekommen ist dabei ein nicht ganz leicht lesbares Buch, bei dessen Lektüre man dem Gehirn dabei zuschauen soll, wie es die eigene Wirklichkeit, das Selbst, erzeugt. Es versteht sich, dass das Selbst dabei nicht als Gegenstand, sondern als Prozess gefasst wird. Damasio bekennt sich ohne Einschränkung zum Darwinismus. Er grenzt sich damit bewusst ab von etlichen Kollegen, die (wie etwa der Neurogenetiker Joachim Bauer in Deutschland) gerade wegen ihrer neurobiologischen Erkenntnisse die Bedeutung des Zufalls und der Selektion bei der Entwicklung komplexer Strukturen anzweifeln.
Dabei zeigt sich Damasio durchaus auch philosophisch, literarisch und wissenschaftshistorisch bewandert, trifft jedoch bei seinen Referenzen eine höchst einseitige Auswahl. Andernfalls müsste er wohl die Dogmen des materialistischen Monismus in Frage stellen. „Der Geist erwächst aus der Aktivität kleiner Schaltkreise in großen Netzwerken“, erklärt Damasio ohne Umschweife und gibt damit dualistische und objektiv-idealistische Erklärungsansätze, die ausgehend vom „Spuk“ der Quantenphysik im Hirn eher einen Empfänger als einen Produzenten von Geist sehen, unausgesprochen der Lächerlichkeit preis. Doch damit macht er es sich meines Erachtens entschieden zu leicht, denn die Hirnstrukturen, die er beschreibt, taugen gleichermaßen zum Senden wie zum Empfangen von Information
Antonio Damasio gibt sich fest überzeugt, mithilfe neuroanatomischer Untersuchungen sowie der Auswertung von Hirnverletzungen und Krankheitsverläufen (vor allem von Schlaganfall- und Alzheimer-Patienten) das Protoselbst im oberen Hirnstamm lokalisieren zu können. Er muss den Ursprung des Ich in einen entwicklungsgeschichtlich älteren Teil des Hirns verlegen, da es nach den Erfahrungen mit „split-brain“-Patienten mit Sicherheit nicht im Großhirn liegen kann. Das Protoselbst sei so unauflöslich an den Körper gebunden. Damit weist Damasio jeglichen Dualismus von Körper und Geist wie auch jeglichen idealistischen Monismus weit von sich. Das bewusste Kernselbst und das autobiografische, soziale Ich handeln nach seiner Ansicht nicht von Worten, sondern von Taten, die im Hirn in Form von Dispositionen für die Erzeugung von Karten beziehungsweise räumlichen Bewegungsbildern gespeichert werden. Das Gedächtnis sei also nicht mit einem Bildarchiv vergleichbar. Dafür würde die Kapazität des Hirns bei weitem nicht ausreichen. Es enthalte stattdessen lediglich Anweisungen für die Rekonstruktion von Bildern durch das Zusammenspiel sensomotorischer Neuronen in den posteromedialen Feldern des Großhirns und im Tegumentum des Stammhirns. Dazu gehören auch die so genannten Spiegelneuronen.
Allein könne die Großhirnrinde kein Bewusstsein erzeugen, betont auch Damasio. Das Bewusstsein gleiche vielmehr der Aufführung einer Symphonie, deren Töne in ganz unterschiedlichen Hirnregionen erzeugt werden. Damasio erkennt also an, dass es keine Hirnstruktur gibt, die man als Sitz oder Ursprung des Bewusstseins bezeichnen könnte. Aber er scheint nicht zu bemerken, dass der von ihm bemühte Vergleich mit einer Symphonie eher Chalmers’ Ansicht als seine eigene stützt. So erklärt Damasio auch das Gedächtnis alles andere als vulgär-materialistisch: Wir erinnern uns nicht an Objekte, sondern an unsere materielle und virtuelle Interaktion mit ihnen. Die so erzeugten visuellen und akustischen Bilder sind nur ihrem Besitzer zugänglich. Da alle Erinnerungen Rekonstruktionen sind, müssen sie nicht originalgetreu sein. Mit Gerüchen scheint es sich indes anders zu verhalten. Es gibt keine Bilder von Gerüchen, die unabhängig von der jeweils aktuellen Geruchswahrnehmung erzeugt werden können. Das hängt wohl damit zusammen, dass die Riechnerven nicht über den Thalamus, das Schaltzentrum des Gehirns, zurm Cortex, sondern direkt in das limbische System (Hypothalamus, Amygdala, Gyrus cinguli) führen.
Auch aus Damasios Sicht hängt das Denken eng zusammen mit Emotionen und Gefühlen, die Signale für die Wertigkeit von Informationen liefern. In früheren Büchern hat er, ähnlich wie Roth, den Gefühlen sogar die Rolle des entscheidenden Antriebs des Denkens zugeschrieben. Aber gerade deshalb kommt auch er zum Schluss: „Den bewussten Geisteszustand erleben wir aus der exklusiven, unmittelbaren Perspektive unseres eigenen Organismus, und er kann nie von irgendjemand anderem beobachtet werden. Das Erleben ist einzig und allein dem jeweiligen Organismus eigen und verfügbar.“. Der Emotionsmechanismus sei aber in jedem gesunden Hirn recht ähnlich. Deshalb könnten Menschen aus ganz verschiedenen Kulturkreisen gemeinsam Schmerz oder Freude empfinden. Der Hirnforscher geht gleichzeitig davon aus, dass der Geist als Ergebnis der natürlichen Selektion größtenteils unbewusst bleibt: „Der Geist ist ein ganz natürliches Ergebnis der Evolution, und er ist zum größten Teil unbewusst, innerlich und verborgen. Bekannt wird er uns durch das schmale Fenster des Bewusstseins“, schreibt Damasio.
Deshalb gesteht auch Damasio gegen Ende seiner Abhandlung ein, nur ein Zipfelchen des Geheimnisses des Bewusstseins gelüftet zu haben: „Die Vorstellung, wir wüssten genau, was das Gehirn ist und was es tut, ist pure Torheit.“ Dennoch gibt er sich überzeugt, auf dem eingeschlagenen Weg eines Tages zur vollständigen biologischen Erklärung des Bewusstseins gelangen zu können. „Probleme, die unsagbar rätselhaft und ungeheuer schwierig erscheinen, sind wahrscheinlich einer biologischen Erklärung zugänglich. Die Frage ist nicht ob, sondern wann das sein wird“, unterstreicht er.
Ich halte das nicht nur für voreilig, sondern für abwegig. Phänomene wie Intuition, Hellsehen, Gedankenübertragung zwischen weit voneinander entfernt lebenden Personen, Liebe auf den ersten Blick, Déjà-vu-Erlebnisse, das kollektive Unbewusste und Glaubenstreue werden auf der Basis der bis heute in der biomedizinischen Forschung dominierenden physikalisch-chemischen Herangehensweise vermutlich nie zufriedenstellend erklärt werden können.

Schluss: Das Selbstbewusstsein kommt nicht vom Selbst
Alle Versuche, das Ich in bestimmten Hirnstrukturen zu lokalisieren, waren vergeblich. Schon bei Kant erscheint das transzendentale Ich als „inhaltsleer“. Es wird uns heute langsam klar, warum das so ist. Zwar lassen sich im präfrontalen Cortex und in anderen Teilen des Gehirns wie dem Hippocampus, dem Scheitel- und dem Schläfenlappen bestimmte Ich-Funktionen wie das Gewissen, das Körper-, das Orts- und das Kontrollgefühl oder das autobiografische Gedächtnis verorten. Aber es gibt im Hirn keine übergeordnete Instanz, die das alles koordiniert und das Ich-Bewusstsein produziert. Insofern haben jene recht, die im Hirn eher einen Empfänger als einen Produzenten von (Selbst-)Bewusstsein sehen. Gerhard Roth zieht jedenfalls den Schluss: „Das Ich ist Produkt der Entwicklung der Persönlichkeit und nicht – wie viele Philosophen annehmen – der Produzent der Persönlichkeit.“ Wobei er implizit davon ausgeht, dass die Persönlichkeit sich im komplexen Wechselspiel von Veranlagung und sozialer Umwelt entwickelt.
In der sozialen Interaktion hat aber, wie wir heute wissen, nicht der rationale Cortex, sondern das emotionale limbische System die Oberhand. Dieses entscheidet größtenteils unbewusst. Die Menschen suchen, wie schon Darwin erkannte, zu allererst nach Empfindsamkeit, Zuneigung, Geborgenheit und Anerkennung. Rationale Entscheidungen kommen nur so weit zum Tragen, wie sie mit dem emotionalen Gleichgewicht vereinbar sind. Die Menschen treffen zwar ständig Kosten-Nutzen-Abwägungen. Aber die emotionalen Kosten beziehungsweise ein möglicher Lustgewinn wiegen dabei meistens schwerer als rein materielle Gewinn-Aussichten. Niemand lässt sich gerne auf ein Geschäft ein, das ihm im wahrsten Sinne des Wortes Bauchschmerzen bereitet. Materielle Anreize wirken am besten, wenn sie mit der Aussicht auf eine Steigerung der gesellschaftlichen Anerkennung verbunden sind. Auf jeden Fall, so Gerhard Roth, hat das „limbische System gegenüber dem rationalen Cortex das erste und das letzte Wort.“ Daher auch die Beobachtung, dass auch moralisch und/oder religiös motivierten Handlungs-Vetos ein unbewusstes Bereitschaftspotential vorausgeht.
Das bedeutet aber durchaus nicht, dass geistige Antriebe des menschlichen Verhaltens keine Rolle spielen. Gerhard Roth weist selbst darauf hin, dass das Geist-Gehirn-Problem noch lange nicht gelöst ist, weil uns dafür theoretische Modelle fehlen. Viele Beobachtungen deuten darauf hin, dass der „Geist“ vorzugsweise über das limbische System und weniger über die Pyramidenzellen des Cortex zur Geltung kommt, wie das John Eccles noch annahm. Dass Menschen religiöser oder politischer Überzeugungen wegen ihr Leben opfern oder das Todesrisiko in Kauf nehmen, lässt sich nur dadurch erklären, dass das limbische System in diesen Fällen Motiven und Antrieben folgt, die stärker sind als die natürliche Todesangst. Solche Antriebe können nicht vom Gehirn selbst, sondern nur von außen kommen – oder vielmehr aus der Interaktion zwischen Personen (oder zwischen Personen und einem persönlichen Gott). So kann unser Hirn zwar das „Zärtlichkeitshormon“ Oxitocin produzieren, aber nicht die Liebe. Diese stellt sich unter bestimmten Bedingungen zwischen zwei oder mehreren Personen ein (oder nicht). Zu Recht sprechen wir auch heute noch vom Wunder der Liebe, wenn auch in der Tendenz vielleicht nur noch in Groschenromanen und Schnulzen. Ob die Quantenphysik diesen geheimnisvollen Vorgang jemals wird entzaubern können, steht dahin. Vielleicht ist das auch gar nicht wünschenswert.
Wir sind Menschen, Personen, keine Gehirne“, betont Gazzaniga leider erst im Nachwort seines neuesten Buches. Die Neurobiologen befinden sich jedenfalls auf der falschen Fährte, wenn sie das Ich in der Hardware suchen, sagt er. Vielmehr liegt dieses in der Software und ist deshalb durchaus nicht weniger real vorhanden. „Paradoxerweise glauben selbst die fanatischsten Deterministen und Fatalisten in Bezug auf sich selbst keineswegs, dass sie nur eine Marionette ihres Gehirns seien“, bemerkt Gazzaniga. Deshalb verortet er die straf- und zivilrechtliche Verantwortlichkeit nicht im Hirn sondern in Verträgen zwischen Menschen. Selbst Menschen mit ausgeprägtem Serotonin-Mangel und irreparablen Hirnschäden seien unter den Augen der Polizei meistens noch in der Lage, sich an Verträge zu halten, betont Gazzaniga.
Auch in streng materialistischen Ansätzen einer Theorie der Persönlichkeit wird übrigens anerkannt, dass das Geheimnis der Persönlichkeitsentwicklung nicht in der Hardware, sondern in der Software liegt. So hat der französische marxistische Philosoph Lucien Sève bereits Anfang der 1970er Jahre darauf hingewiesen, das Wesen des Menschen liege außerhalb seiner selbst. Eine marxistische Theorie der Persönlichkeit dürfe sich nicht mit Dingen, sondern müsse sich mit Verhältnissen beschäftigen. Hätte Sève dieses Postulat konsequent zu Ende gedacht, hätte er aber meines Erachtens den Korridor der materialistischen Korrektheit verlassen und sich mit dem idealistischen Monismus anfreunden müssen. Denn nur dieser erlaubt es, Information als genau so „materiell“ zu begreifen wie Gegenstände.
Gazzaniga befindet sich demgegenüber aber meines Erachtens auf dem Holzweg, wenn er schreibt: „Genau wie politische Regeln vom Volk eingerichtet werden und es kontrollieren, wird auch das Gehirn vom Geist bestimmt, den es selbst hervorbringt.“ Abgesehen von einem durchaus naiven Demokratieverständnis, das hier zum Vorschein kommt, offenbart Gazzaniga damit einen untergründigen Dualismus. Dieser ist aber die einzige theoretische Position, die heute als experimentell widerlegt gelten kann. Derzeit deutet Vieles darauf hin, dass die einzige logisch stimmige Alternative zum kruden materialistischen Determinismus eines Richard Dawkins im idealistischen Monismus liegt.
Das Geheimnis der Entstehung von Selbstbewusstsein liegt, wie bereits angedeutet, im Prozess der neuronalen Entscheidungsfindung. Ausschlaggebend dafür ist, wie wir heute wissen, das limbische System. Wie dieses mit den Sinnen und Hirnen anderer Personen sowie mit der sichtbaren und unsichtbaren Welt interagiert, wird wohl noch lange als Wunder gelten. Daran werden quantentheoretische Erklärungsversuche vermutlich wenig ändern. Mir persönlich ist ein Licht aufgegangen, als ich vor etlichen Jahren verschiedene Schriften des 1997 verstorbenen Wiener Neurologen und Psychiaters Viktor E. Frankl las. Frankl schildert darin unter anderem, wie es ihm durch geistige Anstrengung gelang, das KZ Auschwitz und das Außenlager Türkheim des KZ Dachau zu überleben. Er erkannte im Verlust des Lebenssinns und der damit verbundenen Selbstaufgabe die größte Gefahr im Lagerleben. Denn er hatte beobachtet, dass die Überlebenschance von Häftlingen, die sich selbst aufgegeben hatten, gegen Null tendierte. Dabei kam ihm zugute, dass er sich schon vorher als Psychiater hauptsächlich mit Selbstmordkandidaten beschäftigt hatte. Es wurde ihm klar: Der Mensch kann in seiner linken Großhirnhälfte zwar einen Sinn in Beobachtungen hineindeuten, aber Sinn nicht selbst erzeugen, sondern den Sinn seines Lebens nur außer sich suchen und finden. Der Sinn könne ihm aber nicht von außen verliehen oder aufoktroyiert werden. Nur ein zum Transzendenten und Absoluten hin offenes Lebensziel könne den Menschen letztlich Halt geben. „Mensch sein heißt auch schon über sich selbst hinaus sein“, betonte er. Frankl näherte sich dabei als Jude der Botschaft Christi und der christlichen Lehre von der Person als Ebenbild Gottes. Gegenüber der Lehre Sigmund Freuds bestand er darauf, dass es in der menschlichen Psyche nicht nur ein triebhaft Unbewusstes, sondern auch unbewusste Religiosität gibt. Er ging übrigens wie selbstverständlich davon aus, dass die äußere Welt nicht nur im Bewusstsein, sondern umgekehrt auch Bewusstsein von vornherein in der Welt „enthalten“ ist.
Frankl erkannte aufgrund seiner Erfahrungen im KZ und in seiner psychiatrischen Praxis: Der Mensch „hat“ einen Charakter – aber er „ist“ eine Person. In letzter Instanz entscheide die geistige Person über ihren seelischen Charakter. Der Charakter ist eine Schöpfung der Person. „Die Charakteranlage ist daher auf keinen Fall das jeweils Entscheidende; letztlich entscheidend ist vielmehr immer die Stellungnahme der Person. Zuletzt entscheidet der Mensch über sich selbst. Der Mensch hat also nicht nur Freiheit gegenüber Einflüssen je seiner Umwelt, sondern auch gegenüber seinem eigenen Charakter. Ja, in gewissem Sinne ist es sogar so, dass die Freiheit gegenüber der Umwelt in der Freiheit gegenüber dem Charakter fundiert ist.“  Die Glaubensentscheidung  manifestiert sich, wie gesagt, im limbischen System. Heute ist es im Prinzip möglich geworden, mithilfe von Hirnscans echten Glauben von Lippenbekenntnissen zu unterscheiden (was nicht heißt, man könne Gedanken lesen!). Aber eines scheint mir sicher: Der Neurowissenschaft, die ausgezogen war, das Bewusstsein rein biologisch, das heißt materialistisch zu erklären, wird es nicht gelingen, den Glauben aus der Wissenschaft zu verbannen. Es gibt kein falsches Bewusstsein, wohl aber vernunftwidrige Glaubenssätze, die die geistige Natur des Bewusstseins leugnen.  


Literatur:

Bauer, Joachim: Das kooperative Gen. Abschied vom Darwinismus. Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg 2008

Chalmers, David J.: The Conscious Mind: In Search of a Fundamental Theory. Oxford University Press, Oxford 1996

Damasio, Antonio: The Feeling of What Happens. Body and Emotion in the Making of Consciousness, New York 1999, deutsch: Ich fühle, also bin ich. Die Entschlüsselung des Bewusstseins. List Verlag, München 2000

Damasio, Antonio: Self Comes to Mind. Constructing the Conscious Brain. New York 2010, deutsch: Selbst ist der Mensch. Körper, Geist und die Entstehung des Menschlichen Bewusstseins. Siedler Verlag, München 2011

Dawkins, Richard: The Selfish Gene. Oxford u. a. 1976, deutsch: Das egoistische Gen. Spektrum Akademischer Verlag. Taschenbuchausgabe, Heidelberg 2006

Viktor E. Frankl: Der leidende Mensch. Anthropologische Grundlagen der Psychotherapie. Neuausgabe. Piper. München 1990

Viktor E. Frankl: Der Mensch vor der Frage nach dem Sinn. 8. Aufl. Piper. München 1996

Gazzaniga, Michael: Who’s in Charge? Free Will and The Science of the Brain, New York 2011, deutsch: Die Ich-Illusion. Wie Bewusstsein und freier Wille entstehen. Carl Hanser Verlag, München 2012

Gitt, Werner: Am Anfang war die Information. 3. überarb. Aufl. Hänssler Verlag, Holzgerlingen 2002

Goswami, Amit: The Self-Aware Universe, 1993, deutsch: Das bewusste Universum. Lüchow Verlag, Stuttgart 2007

Libet, Benjamin: Mind Time. The Temporal Factor in Consciousness. Cambridge/Mass. 2004, deutsch: Mind Time. Wie das Gehirn Bewusstsein produziert. Suhrkamp Taschenbuch, Frankfurt am Main 2005, 2007

Lommel, Pim van: Endloses Bewusstsein. Neue medizinische Fakten zur Nahtoderfahrung. Walter Verlag, Mannheim 2010

Popper, Karl./Eccles, John C.: The Self and Its Brain, New York 1977, deutsch: Das Ich und sein Gehirn. Piper Verlag, München-Zürich, 1982

Roth, Gerhard: Aus Sicht des Gehirns. Vollst. überarb. Neuaufl. Suhrkamp Taschenbuch, Frankfurt am Main 2003, 2009

Sève, Lucien: Marxismus und Theorie der Persönlichkeit. Dietz Verlag, (Ost-)Berlin 1972

Schrödinger, Erwin.: Geist und Materie. Zsolnay Verlag, Wien 1959




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